Im Zentrum steht das Kind!

Das Konzept der Erziehungspartnerschaft nach Thomas Gordon bietet einen Paradigmenwechsel für die Beziehung zwischen Eltern und pädagogischer Fachkraft.

Erziehungspartnerschaft mit den Eltern in Kindertagesstätte und Schule wird spätestens seit der Reform des Kinderbildungsgesetzes 2014 gefordert und hat auch im Rahmen des Themas Inklusion eine zentrale Bedeutung.

Elternarbeit war lange Zeit deutlich auf das Wort Arbeit fixiert und meinte meistens, dass Eltern zum Wohle Ihres Kindes ´bearbeitet` werden müssen. Meistens, damit sie ihre Einstellung und oder ihr Verhalten ihren Kindern gegenüber ändern, in den Augen der pädagogischen Fachkraft: verbessern. Nicht nur die Kinder sollten erzogen werden, sondern die Eltern gleich mit. Die Konsequenz: Überforderte und frustrierte Erzieher und Eltern im Widerstand. Die Elternabende werden kaum besucht, Elternangebote der Kindertagestätten, Schulen und OGS bleiben ungenutzt.

Die Erziehungspartnerschaft bietet hier einen völlig anderen Ansatz.

  1. Menschen können nicht von anderen verändert werden –weder Kinder noch Eltern! Menschen verändern sich selbst.
  2. Jeder Mensch hat seine ganz individuellen Ressourcen zur Veränderung und Weiterentwicklung.
  3. Ein förderliches partnerschaftliches Beziehungsangebot bietet die Atmosphäre für individuelle Weiterentwicklung und Veränderung.
  4. Eine partnerschaftliche Beziehung ist gekennzeichnet durch die Werte Echtheit, Empathie und Wertschätzung. Es gilt, diese Worte sehr pragmatisch mit Leben zu füllen.

Partnerschaftliche Haltung bedeutet in diesem Kontext:

  1. Das unterschiedliche Expertentum von Eltern, pädagogischen Fachkräften und Lehrern wird anerkannt und gewürdigt.
  2. Die Bedürfnisse aller Beteiligten sind gleichwertig und langfristige Lösungen, die das Kind betreffen, werden gemeinsam erarbeitet.
  3. Das Kind ist Mittelpunkt und Sinn der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft.

Die wichtigste Methode, um die Partnerschaft mit Leben zu füllen, ist die echte, transparente und wertschätzende Kommunikation zwischen allen Beteiligten, eine Dialogfähigkeit, die eine der Hauptkompetenzen der pädagogischen Fachkräfte werden muss.

Kerngedanken und Methoden:

  1. Menschen tun etwas für sich und nicht gegen andere!

Die Bedürfnispyramide von Maslow ist nicht neu. Sie erklärt aber sehr treffend den Zusammenhang von menschlichen Bedürfnissen und dem daraus folgenden Verhalten. Bedürfnisse sind wertfrei und von niemandem beeinflussbar. Menschen streben danach, ihre zentralen Bedürfnisse nach Sicherheit, Liebe, Gemeinschaft und Anerkennung zu befriedigen. Sie wählen dafür nicht immer hilfreiches und zielführendes Verhalten. Das gewählte Verhalten kann für das Gegenüber völlig inakzeptabel sein. Wird aber das dahinter liegende Bedürfnis anerkannt, lassen sich für diese Bedürfniskonflikte deutlich eher gangbare Lösungen finden. Eltern wollen immer das Beste für ihr Kind. Die einzige Ausnahme kann eine psychische Erkrankung oder eine Persönlichkeitsstörung bei einem Elternteil sein.

Eltern sehen das Kind aus ihrer Perspektive und ihrem Lebenszusammenhang. Das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung dieser Motive hilft, viele Konflikte anders zu bewerten und gemeinsame Lösungswege zu gehen.

  1. Das geteilte Expertentum:

Die pädagogische Fachkraft hat grundsätzliches Fachwissen über kindliche Entwicklung und Bedürfnisse. Sie weiß, wie kindliches Lernen gefördert wird und sie verfügt über didaktische und methodische Kompetenzen. Die pädagogischen Fachkräfte machen professionelle Angebote zur 2. und 3. Bindungsgestaltung und zur sozialen Zugehörigkeit. Sie kennen sich mit den Strukturen und der Funktionsweise moderner Familien aus und verfügen über eine professionelle Kommunikationskompetenz. Darüber hinaus beachten und gewährleisten sie den Kinderschutz.

Eltern sind ganzheitliche Experten für ihr Kind. Sie kennen es vom Tage der Geburt an und verfügen über einen großen Erfahrungsschatz. Sie gehen die Beziehung zu ihren Kindern intuitiv, erfahrungsbezogen und allseitig an. Es gibt weder Pause noch Feierabend von ihrer Verantwortung für das Kind. Sie entwickeln und gestalten auch ihre Bindung zum Kind rein gefühlsmäßig.

Eltern sind Experten für ihre Lebenssituation und ihren Lebensentwurf.

Beide Seiten des Expertentums müssen, um dem Kind wirklich gerecht zu werden, gewürdigt und bei Entscheidungen und Entwicklungsideen berücksichtigt werden.  Beide Expertengruppen haben einen unterschiedlichen Handlungsspielraum: Der Handlungsspielraum der pädagogischen Fachkräfte ist in der KiTa, der OGS oder der Schule, der Handlungsspielraum der Eltern zuhause. Das Wissen, die Kompetenzen und die Erfahrungen aus beiden Bereichen müssen in einem Dialog zusammengeführt werden.

Für diese Zusammenführung liegen die Kompetenz und die Verantwortung bei den pädagogischen Fachkräften.

Die Einrichtungen wie Kindertagestätte, Schule und OGS müssen hierfür Zeit zur Verfügung stellen und neue transparente Strukturen entwickeln, damit die pädagogischen Fachkräfte dieser geforderten Aufgabe angemessen nachkommen können.

  1. Fördergespräche mit Eltern und Kindern:

Im Zentrum der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft steht das Kind. Im Rahmen des Themas Partizipation habe ich bereits erläutert, dass Kinder Subjekte ihrer eigenen Bildungsentwicklung werden sollten. Wenn es um Themen der kindlichen Entwicklung und Bildung geht, ist das Kind von Anfang an Experte für seine eigene Person: sein Tempo, seine Neugier, seine Konzentration, seine Schwächen, seine Stärken und seine Begeisterung. Deshalb macht es Sinn, Kinder möglichst früh an Entwicklungs- und Fördergesprächen, die sie betreffen, zu beteiligen. Gemeinsam mit Eltern und Fachkräften ergibt diese Zusammenarbeit den größtmöglichen Ressourcenpool.

Die fachliche Kompetenz der Dialog- und der Moderationsfähigkeit liegt bei solchen Gesprächen bei der pädagogischen Fachkraft.

Fazit:

Die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft macht Sinn, weil sie die Ressourcen aller Beteiligten nutzt. Geteiltes Expertentum bedeutet auch geteilte Verantwortung. Niemand ist für Lösungen, neue Ideen und Aktivitäten alleine zuständig und verantwortlich. Dies ist in der heutigen Zeit für pädagogische Fachkräfte mit all ihren beruflichen Anforderungen extrem entlastend. Außerdem trägt dieses Konzept den Fakten Rechnung, dass Menschen sich nicht von außen verändern lassen, dass also Elternarbeit im herkömmlichen Sinne, die weitestgehend aus Elternbelehrungen besteht, erfolglos bleiben muss.

Zum Wohle des Kindes ist es deshalb unerlässlich, einen Expertenkreis aus den Menschen zu bilden, die das Kind aus völlig unterschiedlichen Perspektiven sehen und die auch ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Begleitung und Unterstützung der kindlichen Bildungs- und Entwicklungsbiographie besitzen.

 

Literatur:

Partner für das Kind, Rita Woll

Beziehungskonferenz, Thomas Gordon

Lehrer- Schüler- Konferenz, Thomas Gordon

Das kompetente Kind , Jesper Juul

Das Familienhaus, Jesper Juul

Kommunikation im Kindergarten, Friederike Westerholt