Bereits im Kinderbuch „Das kleine Ich bin Ich“ von Mira Lobe und Susi Weigel wird das Thema der Selbstfindung beschrieben. Das „Kleine Ich bin Ich“ ist ganz anders als alle anderen Wesen, die es auf seiner Reise trifft. Dies führt verständlicherweise zu einer Verunsicherung, denn jedes Wesen ist auf Gemeinschaft ausgerichtet und möchte zu jemandem gehören. Die letzte Erkenntnis des „Kleinen Ich bin Ich“ ist jedoch die wirklich zentrale Aussage des Buches:

Das „Kleine Ich bin Ich“ hat viele Eigenschaften und Äußerlichkeiten mit anderen Tieren gemein, aber seine persönliche Kombination ist einzigartig. Genau diese Erkenntnis sowie das Anerkennen und Nutzen der individuellen Besonderheit führt zum Thema meines Fachbriefes, der Selbstwirksamkeit.

Selbstwirksamkeit bedeutet:

  1. sich der eigenen Bedürfnisse, Gefühle, Fähigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen bewusst zu sein,
  2. diese eigenen individuellen Möglichkeiten wertschätzend anzuerkennen und anzunehmen,
  3. die Verantwortung für die eigene Bildungs- und Beziehungsbiographie sowie die eigene Lebensgestaltung altersangemessen bzw. mit entsprechender Begleitung, Unterstützung und Förderung zu übernehmen,
  4. im Rahmen der individuellen, familiären und gesellschaftlichen Möglichkeiten das zu tun, was nötig und möglich ist, um die eigenen Bedürfnisse und Ziele zu befriedigen und erreichen zu können,
  5. die Entwicklung der Fähigkeit zur Selbstreflexion, um die eigenen Ziele, Wünsche und Bedürfnisse immer wieder kritisch hinterfragen und mit den eigenen Möglichkeiten und Werten abzugleichen zu können.

Selbstwirksamkeit können Menschen nur in vertrauensvollen, sicheren und partnerschaftlichen Beziehungen entwickeln.

Um einem Kind die Atmosphäre zu bieten, in der es Selbstwirksamkeit erleben, spüren und entwickeln kann, brauchen Eltern, Erzieher und Lehrer die Haltung der partnerschaftlichen Beziehung.

Das Kind ist von Anfang an kompetent, es ist Experte für seine Bedürfnisse, Ziele, Wünsche und Gefühle. Die Erwachsenen bieten ihm eine Beziehung und eine Umgebung, in der sich das Kind selbst erleben, erfahren und ausprobieren kann.

In dialogischer Kommunikation und Beziehung unterstützt der Erwachsene die Selbstreflexion und Selbsteinschätzung des Kindes. Ziele, und vor allem die Wege zu den Zielen, werden mit dem Kind gemeinsam entwickelt und reflektiert. So ermöglichen Eltern und Pädagogen die Persönlichkeitsentwicklung und Ich-Werdung des Kindes. In diesen Beziehungen entwickelt das Kind Vertrauen in sich selbst und seine Gegenüber, sein Selbstwertgefühl, seine Lebensfreude, seine Kreativität und seine Liebes- und Beziehungsfähigkeit. Dabei geht es nicht um bessere und schnellere Fähigkeiten und Kompetenzen, die mehr oder weniger von der Industrie erwartet und gewünscht werden. Es geht darum, dem Kind zu ermöglichen, der Mensch zu werden, der es sein möchte und sein kann. Dazu gehört auch die ganz eigene individuelle Bildungsbiographie. Es geht darum, die individuellen Möglichkeiten und Ressourcen zu entfalten, Beziehungen einzugehen und mit sich selbst im Einklang zu leben. Da Menschen von Geburt an auf Beziehungen zu anderen Menschen ausgerichtet sind, gehört zu dieser Persönlichkeitsentwicklung natürlich auch das Wahrnehmen, Respektieren und Berücksichtigen der Bedürfnisse anderer Menschen.

Wie sollte ein Beziehungsangebot aussehen, das die Entfaltung von Selbstwirksamkeit fördert?

In der ersten Lebensphase sind dies die Merkmale einer sicheren Bindung.

Es geht um verlässliche und bedingungslose Zuwendung, um bedingungslose Akzeptanz, um angemessene positive Spiegelung der Gefühle, aber auch um die Fähigkeit des „Loslassen Könnens“. Das Kind ist von Anfang an

ein zwar bedürftiges, aber auch eigenständiges Individuum, mit ganz individuellen Gefühlen, Ressourcen und Wünschen.

Deshalb sind zentrale Qualitäten der ersten, aber auch der weiteren Bezugspersonen (z. B. in der Kindertagesstätte) emotionale Präsenz, Empathie, Freude und eigene Autonomie.

Joachim Bauer beschreibt in seinem Buch „Prinzip Menschlichkeit“ fünf Beziehungselemente, die eine förderliche Beziehung kennzeichnen:

  1. Sehen und gesehen werden
  2. Gemeinsame Aufmerksamkeit
  3. Emotionale Resonanz
  4. Das gemeinsame Handeln
  5. Verstehen von Motivation und Absichten des anderen.

Dabei ist der letzte Punkt die Königsklasse: das Verstehen der Motivation und der Absichten des Kindes und das emotionale Mitschwingen und Zulassen des Andersseins.

Diese Qualität fordert Eltern und Pädagogen in gleicher Weise.

Das Erziehungsziel „Selbstwirksamkeit“ ist eine große Herausforderung für Eltern und Pädagogen.

Welchen Grad der Selbstentwicklung und Selbstreflexion benötigen Eltern und Pädagogen, um Kindern diese Beziehungsqualität zu ermöglichen? Voraussetzungen sind:

  1. Eltern und Pädagogen müssen sich ihrer eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Ziele im Leben bewusst sein und diese in Selbstleitung verfolgen.
  2. Die Erfüllung dieser Ziele und Wünsche muss unabhängig von der Entwicklung und den Entscheidungen des Kindes sein.
  3. Es muss gelingen, das Kind auf seinem eigenen Weg zu begleiten und zu unterstützen, auch wenn dieser den eigenen Vorstellungen so gar nicht entspricht.

Dies sind die zentralen Aufgaben, an denen die Begleitung zur Selbstwirksamkeit der Kinder gelingt oder scheitert.

Benötigen Erwachsene aus eigener Ich-Schwäche das Erfolgserlebnis, dass das Kind die Ziele erreicht, die für ihn selbst zu hoch oder zu schwierig erscheinen, versucht das Kind aus Liebe oder Abhängigkeit – manchmal auch erst unter Druck -, die Ziele der Anderen stellvertretend zu erreichen. Dieser Versuch führt beim Kind zur Selbstentfremdung. Es kann sich nicht auf seine eigenen Ressourcen und Fähigkeiten verlassen. Auch Begeisterung kann es für diesen fremden Weg nicht entwickeln. Es ist nicht Subjekt sondern Objekt seiner Bildungs- und Lebensbiographie. Die Verfolgung fremder Ziele führt immer wieder zu Störungen und Hindernissen in der Motivation und Zielstrebigkeit. Die Auswirkungen für das Kind kann man leider allzu oft beobachten: Aggressives Verhalten sich selbst oder anderen gegenüber, Lernfrust, Lernblockaden, Schulverweigerung, Überanpassung, kindliche Depression und vieles mehr. Je nach der Persönlichkeit des Kindes kommt es zu unterschiedlichen Ausprägungen dieser Folgen.

Was Kinder wirklich an Begleitung brauchen:

„Wie lernen am besten gelingt“ ist der Titel eines Beitrags von Prof. Gerald Hüther zu diesem Thema:

Kinder können nur etwas lernen, wenn das zu Erlernende für sie von Bedeutung ist, wenn es ihnen sozusagen unter die Haut geht. Das Gelernte wird nur dann im Hirn nachhaltig verankert, wenn die emotionalen Erlebniszentren im Hirn aktiviert werden, und das gelingt am besten in einem Zustand der Begeisterung. Begeisterung ist sozusagen der Dünger im menschlichen Hirn. Lernen kann auch durch Belohnung oder Bestrafung erreicht werden, wenn diese emotional bedeutsam für das Kind sind. Allerdings wird das Kind dann abhängig von der Belohnung oder der Bestrafung und verlernt, aus sich selbst heraus zu lernen. Es wird ihm dann eine der zentralen Voraussetzungen für das Erleben von Selbstwirksamkeit vorenthalten

Kinder kommen nach Hüther mit drei Haltungen auf die Welt:

  1. Der Neugier, als kleiner Entdecker die Welt zu erfahren.
  2. Der Gestaltungslust, sich Aufgaben zu stellen, an denen sie wachsen können.
  3. Der Erwartung, Gemeinschaft mit Menschen zu erleben, denen sie sich zugehörig fühlen, bei denen sie sich aufgehoben fühlen und von denen sie gebraucht werden.

Pädagogen, die Kinder auf ihrem Weg begleiten, brauchen Wissen, Kreativität, Fach- und Sachkompetenzen, aber all das reicht alleine nicht aus.

Als Wichtigstes brauchen Pädagogen folgende innere Einstellung:

„Sie müssen Freude daran haben, Kinder einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, sich als kleine Weltentdecker auf den Weg zu machen.“

Was kann Eltern, Erzieher und Lehrer unterstützen, ihrer Rolle und ihren Aufgaben gewachsen zu sein?

Eltern brauchen eine Gesellschaft, die mit ihren Strukturen und Betreuungs- und Bildungsinstitutionen Eltern unterstützt, in einer partnerschaftlichen Beziehung mit ihren Kindern leben zu können. Dazu benötigen sie von Kindertagesstätten und Schulen das Beziehungsangebot der Erziehungspartnerschaft mit dem Hauptkennzeichen der Anerkennung des geteilten Expertentums. Zusätzlich helfen Gesprächskreise oder Elternkompetenzkurse nach einem partnerschaftlichen Ansatz, z.B. das Gordon-Familientraining. In diesen werden Eltern ermutigt, ihre Werte, ihre Haltung, ihre Ansprüche und ihr Verhalten gegenüber den Kindern zu reflektieren. Das Wichtigste was Eltern gegeben werden kann ist der Aufbau von Vertrauen in die Selbststeuerung ihrer Kinder.

Die pädagogischen Fachkräfte brauchen als wichtigste Ressource Zeit für die Begleitung der einzelnen Kinder. Dazu gehören eine entsprechende Struktur in Kindertagesstätten und Schulen und ein nach pädagogischen und psychologischen Gesichtspunkten angemessener Betreuungsschlüssel.

Zusätzlich muss die partnerschaftliche Sichtweise und Haltung mit allen notwendigen Kompetenzen in die Ausbildung von Erziehern und Lehrern Einzug halten. Zusätzlich benötigen Erzieher und Lehrer für ihre Psychohygiene und Selbstreflexion regelmäßige Fachfortbildungen, kollegiale Beratungen und Teamsupervisionen.

Es reicht nicht, im Kinderbildungsgesetz neue Konzepte zu Partizipation, Erziehungspartnerschaft und Inklusion zu fordern. Die Fachkräfte brauchen dringend Strukturen und Angebote, sich in diese Konzepte hinein entwickeln zu können.

Literatur:

Joachim Bauer:

  • Das Prinzip Menschlichkeit
  • Warum ich fühle was du fühlst
  • Das Gedächtnis des Körpers

Prof. Gerald Hüther:

  • Youtube Beitrag, Wie Lernen am besten gelingt
  • Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden
  • Bedienungsanleitung für das menschliche Gehirn

Mira Lobe:

  • Das kleine Ich bin Ich

Thomas Gordon:

  • Die neue Familienkonferenz, Kinder erziehen ohne zu strafen