child-342346_640Bei all den drängenden Aufgaben, die Kindertagesstätten heute zu bewältigen haben, stellt sich die Frage, warum das Thema Partizipation plötzlich so wichtig ist.

Lassen Sie mich die Frage als Einstieg mit einem Zitat beantworten:
Ein Kind ist klein, sein Gewicht gering,
es ist nicht viel von ihm zu sehen…
und was noch schlimmer ist,
es ist schwach.
Wir können es hochheben,
in die Luft werfen,
es gegen seinen Willen irgendwohin setzen,
wir können es mit Gewalt im Lauf anhalten.
Wir können all seine Bemühungen vereiteln.“

(Janusz Korczak)*1

Wir leben in Deutschland in einer Demokratie. Diese Gesellschaftsform braucht für ihr Weiterbestehen und ihre Weiterentwicklung mündige und tätige Menschen.

Sollte es deshalb nicht auch ein Ziel für uns Pädagogen sein, Kindern die Entwicklungs- und Lernerfahrungen zu schaffen, die es diesen Kindern ermöglichen, zu mündigen, verantwortungsbewussten und tätigen Menschen heranzuwachsen?

Aber dieser gesellschaftspolitische Gedanke ist für uns Pädagogen nicht der wichtigste; zu einem humanistischen Menschenbild gehören partizipatorisches Denken und partizipatorisch angelegte Beziehungsangebote als Grundhaltung untrennbar zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung und damit zu einer gelungenen Bildungsbiographie eines Kindes.

Ist Partizipation wirklich so ein neues Thema?

Nein, natürlich nicht. Bekannte Pädagogen als Vordenker zum Thema Partizipation sind Janusz Korczak*1, ein polnischer Kinderarzt, der ein Waisenhaus leitete und im Dritten Reich den Heimkindern ins KZ folgte. Ein anderer bekannter Pädagoge ist A.S. Neill*2, Begründer der antiautoritären Erziehung, der in seiner Schule „Summerhill“ ein partizipatorisches Miteinander lebte. Aus der etwas näheren Zeitschiene kennen wir Thomas Gordon*3 mit seiner Familienkonferenz und seinem Konzept zur Erziehungspartnerschaft und Jesper Juul*4 mit seinen Vorstellungen zum kompetenten Kind.

Allen Theoretikern und Praktikern zum Thema Partizipation ist gemein, dass sie von einem positiven, humanistischen Menschenbild ausgehen:

Kinder sind von Anfang an kompetente soziale Wesen, die auf Beziehung und Interaktion ausgelegt sind.

Die Kompetenzen eines Kindes:

Zu den Kompetenzen, die Kinder bereits bei der Geburt mitbringen, gehört beispielsweise ihr Expertentum bezüglich ihrer eigenen Bedürfnisse, Befindlichkeiten und Gefühle, und das bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem das Kind diese selbst noch nicht reflektieren, befriedigen oder in Handlung umsetzen kann. Das Neugeborene äußert in seiner eigenen Sprache der unterschiedlichen Laute oder Schreie, wann es Hunger hat, wann es Nähe und Körperkontakt möchte oder auch nicht.

Grenzen des Kindes:

Die Grenzen des Kindes liegen im ersten Lebensjahr in seiner Handlungsfähigkeit, nicht in seiner Wahrnehmungsfähigkeit. In diesem Entwicklungsstadium ist es die Aufgabe des partizipatorisch denkenden und handelnden Erwachsenen, die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und zu übersetzen. Dazu braucht das Kind lebensnotwendig einen dialogfähigen Erwachsenen, der bereit ist, den Bedürfnissen und Gefühlen des Kindes Sprache zu verleihen und handelnd die Bedürfnisse zu befriedigen.

Beispiel: Nonverbale Signale, z.B. der U1-Kinder, werden wahrgenommen, übersetzt und durch Handeln, z. B. füttern, wickeln oder Körperkontakt, beantwortet.

Wenn der Erwachsene selber an seine Grenzen stößt:

Wenn es nicht um die Befriedigung lebensnotwendiger Bedürfnisse beim Kind geht, ist manchmal ein weiterer Schritt nötig. Zur Partizipation gehört auch das gleichberechtigte Aushandeln des möglichen Verhaltens/der möglichen Lösung als Reaktion auf die Gefühle und Wünsche des Kindes in Bezug auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der pädagogischen Fachkraft.

Die sozialen Kompetenzen eines Kindes:

Kinder sind beziehungs- und dialogfähig. Durch die Erfahrung, dass seine Gefühle und Bedürfnisse von der pädagogischen Fachkraft ernstgenommen, emotional begleitet und befriedigt werden und natürlich auch dadurch, dass die pädagogische Fachkraft manchmal die eigenen belasteten Gefühle und Begrenzungen verbal oder nonverbal kommuniziert, erlebt und fühlt das Kind sein Gegenüber.

Als kooperatives Wesen ist es im Laufe seiner Entwicklung und innerhalb eines sicheren Bindungsverhältnisses immer besser in der Lage, vorgelebtes Beziehungsverhalten auf das eigene Leben zu übertragen. Es entsteht ein Lernprozess, zwischen Ich und Du zu unterscheiden. Die Gefühle und Bedürfnisse des anderen werden in die eigene Sicht auf die Welt und in die Entwicklung eigener Lösungen eingebaut. Das heißt, das Kind lernt, die Befriedigung nicht existentiell lebensnotwendiger Bedürfnisse im Rahmen einer Beziehung zurückzustellen oder mit dem Erwachsenen gemeinsam eine für beide gangbare Lösung zu besprechen. Das funktioniert bei kleinen Kindern auch nonverbal.

Gelingt diese Übertragung, auch die Bedürfnisse des Gegenübers wahrzunehmen, in jedem Fall?

Partizipation in der Kindertagesstätte bietet Kindern im besten Fall Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten, ihren Wunsch nach Kooperation und Beziehung in einer überschaubaren, verlässlichen und transparenten Struktur ausleben zu können und durch pädagogisch gestaltete und begleitete Prozesse hilfreiches und konstruktives Verhalten zu erlernen.

Hierzu sind Erfahrungen zur Selbstwirksamkeit, zum Erleben der eigenen Kreativität, zu einem Wir-Gefühl, aber auch Erfahrungen mit dem Umgang von Frustrationen und Begrenztheit wichtig.

Weitere Ressourcen von Kindern:

Neben seiner Kompetenz zur Kooperation und Beziehung ist das Kind von Anfang an auf Interaktion mit seiner Umwelt und auf Weiterentwicklung seiner Möglichkeiten ausgerichtet.

Wenn Kinder in ihren Basisbedürfnissen nach physischem und psychischem Überleben, wie z.B. genug Nahrung und eine sichere Bezugsperson, weitestgehend befriedigt sind, sind die nächsten wichtigen Bedürfnisebenen die nach sozialer Beziehung und nach Anerkennung für die eigene Leistung.

Kinder wollen aus sich selbst heraus lernen:

Kinder sind in ihrer natürlichen Entwicklung auf Lernen ausgerichtet; sie haben ihr eigenes Tempo und ihre individuellen Möglichkeiten, die sie in einer förderlichen Umwelt bestmöglich entfalten können.

Dazu kommen Erkenntnisse aus der neurobiologischen Forschung, durch Prof. Dr. Gerald .Hüther*5 oder Joachim Bauer*6. Sie beide haben durch viele Forschungen belegt, dass Kinder am besten mit dem Gefühl der Begeisterung und der Freude lernen. Es ist gut,. Kinder an ihren eigenen Lernprozessen zu beteiligen, ihre individuellen Themen und Kompetenzen, ihre Neugier und ihre Vorstellungskraft aufzugreifen und einen kreativen Prozess in Gang zu setzen, denn das ist der beste Garant für Erfolgserlebnisse und die Erfahrung der Selbstwirksamkeit und somit für eine erfolgreiche Bildungsbiographie. Kinder werden somit Subjekt und nicht Objekt ihrer eigenen Bildung.

Wenn das Kind so viele eigene Ressourcen und Möglichkeiten hat, woran kann eine gelungene individuelle Entwicklung dann scheitern?

Bei all seinen Kompetenzen und Ressourcen ist das Kind in den ersten Lebensjahren meist nicht in der Lage, seine Bedürfnisse und Wünsche selbst umzusetzen. Es ist auf Erwachsene angewiesen, die im Dialog die Bedürfnisse und Wünsche des Kindes übersetzen, das Übersetzte ernst nehmen und in einen gleichberechtigten Lösungsprozess einsteigen.

Das Kind braucht also Erwachsene, die bereit sind, Teile ihrer Macht abzugeben.

Es braucht pädagogische Fachkräfte, die ihrerseits Experten sind für:

  • sich selbst und ihre eigene Lebenserfahrung,
  • ihre Bedürfnisse und ihre Gefühle,
  • professionelle Beziehungs- und Bindungsgestaltung und
  • eine verlässliche und kindgerechte Teamstruktur, die partizipatorisches Arbeiten möglich macht.

Außerdem benötigen die pädagogischen Fachkräfte folgende Kompetenzen um Partizipation in der KiTa gestalten zu können:

  • Fachwissen zu Lernprozessen und kindlicher Entwicklung
  • Fachkompetenz zur methodisch-didaktischen Umsetzung und
  • Dialogfähigkeit und professionelle Kommunikationsmethoden

 

Literatur:

*1) Janusz Korczak, Wie man sein Kind lieben sollte, Vandenhoek & Ruprecht,1967

*2 )A.S. Neill, Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung, Das Beispiel Summerhill, rororo 1982

*3) Thomas Gordon, Die neue Familienkonferenz, Heyne 1989

*4) Jesper Juul, Das kompetente Kind, rororo 2009

*5) Prof. Dr. Gerald Hüther, Uli Hauser, Jedes Kind ist hochbegabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen, btb 2013

*6) Joachim Bauer, Warum ich fühle, wie du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone, Heyne 2006, Das Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren, Heyne 2008

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